«Fahrt hinaus und werft eure Netze aus», befiehlt Jesus dem müden und entmutigten Simon und dessen Begleitern. Die ganze Nacht hindurch haben sie nichts gefangen. Sollen sie die Netze noch einmal auswerfen und wieder erfolglos zum Ufer zurückkehren? Aber wenn der Herr es sagt, wollen wir es nochmals versuchen. Was gibt es zu verlieren? Lassen wir uns überraschen. Die Fischer werfen ihre Netze aus und siehe, das Wunder geschieht: Die Netze sind zum Bersten voll.

 

Auf sich selbst gestellt, haben die Fischer im See Genesareth nichts gefangen. Mit Jesus jedoch übertrifft der Erfolg ihre Erwartungen. Zwischen Jesus und den Fischern ist ein Vertrauensverhältnis entstanden. Er hat sie in seine Nachfolge berufen, wie auch wir alle berufen sind: Priester, Ordensleute und Laien. Und wie auch ich als Journalistin berufen bin.

 

Das Wort, das Jesus an jenem Tag am Ufer des Sees Genesareth an Simon richtete, richtet er auch an mich – heute, morgen und jeden Tag: «Geh hinaus und breite deine Antennen aus». Habt keine Angst, sagt Papst Franziskus den Journalisten, eure Schuhsohlen abzulaufen, um «die Wahrheit der Dinge und das konkrete Leben der Leute einzufangen». Hab keine Angst! Begegne der Welt mit «lauschenden Ohren», schreibt auch der Mönch und Dichter Gilles Baudry.

 

Dies, um in unseren von Unsicherheit gezeichneten Gesellschaften aufzufangen, was unter der Oberfläche brodelt, was geflüstert wird, was nicht wahrgenommen werden soll, was geografisch oder existentiell an den Rand geschoben wird. Um hinter schrillem, lautem, zu schnellem Gerede das zu hören, was bloss gemurmelt wird und doch viel mehr und Wesentlicheres über das Leben und die Hoffnung aussagt. Denn, meint Gilles Baudry, «nicht alles Gigantische ist auch gross».

 

Darum bin ich seit über 30 Jahren Journalistin mit Schwerpunkt Religion: Um im täglichen Strom der Informationen das herauszuheben, was das Leben fördert und die Hoffnung nährt, was Männer und Frauen aufrecht hält und zur Solidarität bewegt; um hinter Gerüchten und «Fake-News» die Wahrheit, die uns frei macht, zu suchen und zu teilen; um in den Verlockungen der Technik und des Fortschritts das Menschliche zu retten. Für mich ist jeder Mensch Ebenbild Gottes: Wird er verworfen, wird auch Gott verworfen.

 

Auch meinen Beruf durchdringen die drei Dimensionen des synodalen Weges, den Papst Franziskus mit der ganzen Kirche eingeschlagen hat: Hören, Sprechen, Unterscheiden.

 

Bei der Vorbereitung eines Berichts beginne ich damit, mich zu informieren. Ich achte auf das Geschehen und höre auf die Beteiligten «mit Neugier, Offenheit und Leidenschaft», gemäss den Worten des Papstes, um dann nach Gilles Baudry «hinter dem Kleinsten und Unbedeutendsten … das versteckte Grosse aufleuchten zu lassen». Ich gehe über das Oberflächliche des Tagesgeschehens hinaus, um den Sinn der Ereignisse zu begreifen und den inneren Antrieb derer, welchen ich begegne. Die Tiefe des Austausches soll das Menschliche in uns erreichen.

 

Im Bericht gebe ich wieder, was ich begriffen habe, der Wahrheit so nahe wie möglich. Ich wähle die Worte mit grossem Respekt vor der Realität und meinen Gesprächspartnern.

 

Schliesslich unterscheide ich, was möglicherweise verschwiegen und was gesagt werden soll, um ein Wachstum an Menschlichkeit zu fördern. Ich versuche, aus meinem Gesichtspunkt und durch die  Wahl meiner Gesprächspartner dem Geschehen einen Sinn zu geben.

 

Das bedeutet für mich «hinausfahren», mich «in tiefes Gewässer wagen». Doch fahre ich nicht allein. Wie Simon und seine Gefährten werde ich begleitet von Jesus. Auch als Journalistin bin ich zuerst Katholikin, und mein ganzes Leben nährt sich am Wort Gottes und an der Teilnahme an der Eucharistie, am Sonntag und unter der Woche sowie im Rahmen der Bewegung, in der ich Mitglied bin: der marianistischen Laiengemeinschaft (CLM). Sie ist eine der 29 Bewegungen der westschweizerischen Apostolatsgemeinschaft der Laien (CRAL).

 

Es gibt für jeden und jede viele Möglichkeiten, Zeuge zu sein: im Berufsalltag, beim Zusammensein mit den Kindern und Grosskindern, während der Freizeit, innerhalb einer Bewegung… Und dies ohne Furcht, da der Geist Gottes in der Welt wirkt. Die Welt ist das Feld, welches uns gegeben ist, um es im Namen unseres Glaubens anzusäen.

Avance au large, et jetez vos filets

Berufen als Journalistin

um in unseren von Unsicherheit gezeichneten Gesellschaften aufzufangen, was unter der Oberfläche brodelt, was geflüstert wird, was nicht wahrgenommen werden soll, was geografisch oder existentiell an den Rand geschoben wird. Um hinter schrillem, lautem, zu schnellem Gerede das zu hören, was bloss gemurmelt wird und doch viel mehr und Wesentlicheres über das Leben und die Hoffnung aussagt. Denn, meint Gilles Baudry, «nicht alles Gigantische ist auch gross»

 

Geneviève de Simone-Cornet, clm

 

Zeugnis von Frau Geneviève de Simone-Cornet am Sonntag des Laienapostolats 2022 während des Gottesdienstes in der Kirche von Nyon (Leicht gekürzte Übersetzung des Originaltextes)